Willkommen – ein deutscher Abend im St. Pauli Theater

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CC-BY-SA 4.0 by AltSylt

Mitte der 90er sinnierte Franz Wittenbrink ebenso musikalisch wie erfolgreich an Hamburger Bühnen über Mütter, Männer und Sekretärinnen. Er stellte in seinen Liederabenden leicht identifizierbare Menschengruppen ins Rampenlicht, die irgendwie schon immer da waren und deren hervorragend inszeniertes Geträller daher auch irgendwie schon jeden ansprach. In seiner neuesten Inszenierung widmet sich Wittenbrink einem neuen Typus: dem Willkommenheißer.

Ende des letzten Jahrtausends hatte Franz Wittenbrink einen einleuchtenden Einfall: Wenn das Zitat die ideale Kommunikationsform der Postmoderne ist, dann muss ein Stück, das ausschließlich aus Zitaten besteht, das ideale Werk dieser Epoche sein. Er inszenierte in der Folge am Hamburger Schauspielhaus ein minimalistisches Schauspiel, in dem stilisierte Figuren in einer noch stilisierteren Umgebung von ihrem Sein und den darin umherirrenden Ängsten und Wünschen erzählten während sich die Handlung kein bisschen bewegt. Einziges Verständigungsmittel waren dabei Evergreens, die jedem Zuschauer individuell ein Verständnis der Situation ermöglichten – je nachdem was der Jeweilige eben mit eben diesem Lied verband.

Sekretärinnen wurde ein überwältigender Erfolg, der inszenatorisch von den Nachfolgern Männer und Nachtschicht zwar übertroffen, aber kommerziell nicht eingeholt werden konnte. Nach dem verträumten Denn alle Lust will Ewigkeit endete Wittenbrinks Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus und er wich mit seinen Ideen auf die leichtere Bühne des St. Pauli Theaters aus. Die erste Produktion Mütter, enttäuschte viele – noch mehr als es das mysteriöse Denn alle Lust will Ewigkeit bereits getan hatte. Und das Schauspielhaus-Publikum wanderte wieder eben dorthin zurück. Denn wenig überraschen kann Marthaler genau so gut.

Nach weitgehend unbeachteten Inszenierungen, die dem Hörensagen nach die Kiezkultur reflektiert haben sollen, scheint Franz Wittenbrink mit seinem neuesten Einfall wieder den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Willkommen – Ein deutscher Abend thematisiert den aktuellen Flüchtlingszustrom und die Reaktion der in Relation zur Weltgeschichte unwesentlich früher Eingetroffenen: Das Willkommenheißen – ein Wort, dass im Kontext der an diesem Abend präsentierten Songauswahl gar nicht mal so antiquiert wirkt. Das sechsköpfige hochmotivierte Ensemble wird durch drei Musiker unterstützt, die mindestens die Hälfte der Zeit einen ziemlich leichten Job haben, denn Wittenbrink lässt seine Darsteller oft mehrstimmingem Chorgesang anstimmen, der übrigens professionellen Chören zur Ehre gereichen würde. Was die wittenbrink’schen Klassiker ausmachte waren aber nicht nur passgenau ausgewählte Schauspieler und deren artistische Darbietung, sondern eben auch die inszenatorischen Ideen: Sekretärinnen spielte auf einem Stapel Druckerpapier, Männer auf den Stadionrängen, Nachtschicht im Zuschauerraum und Denn alle Lust will Ewigkeit im Irrenhaus, im Kopf einer suizidgefährdeten Prinzessin oder eventuell auch im Jenseits.

Willkommen spielt genau dort, wo das Bühnenbild es und uns hin platziert – in der Schulsporthalle. Jeder Angehörige der Aktionsgruppe, die hier zum Wohle der Flüchtlinge tagt, hat eine andere Motivation, um tätig zu werden. In aller Fairness wird fast jede aus Medien, Straßeninterviews und Kommentarspalten bekannte Einstellung aufgenommen und abgebildet. Eine klare Position wird dabei aber nicht eingenommen und eine zusammenfassende Endaussage fehlt ebenso. So fehlt Willkommen trotz allem artifiziellen Gesinges ein Schlussakkord, was diese Inszenierung ermüdend und anstrengend macht. Obwohl es ein vergleichsweise kurzes Stück ist, reicht der Klatschwille des Publikums gerade mal so für eine Zugabe, die mittlerweile bei jeder dahinroutinierten Sing-Sang-Soiree der einschlägigen Nachbarhäuser Mindeststandard ist und womit Monika Bleibtreu und Gustav Peter Wöhler dereinst noch lange nicht in die Garderobe gegangen wären.

Einschneidenster Unterschied zu ihren Vor-Vorgängern ist, dass die Darsteller von Willkommen zwischen den Liedern dialogisieren und sogar Handlung transportieren müssen. Die Songs erfahren somit eine Vorverdauung und der Zuschauer eine Handreichung von der Bühne herab, die eine unbelastete Interpretation des Gehörten auf Basis eigener Assoziationen unmöglich macht. Wenn die Sekretärin Monika Bleibtreu Mitte der 90er von „Einem kühlen Grunde“ erzählte, war es dem Zuschau-hörer überlassen, ob sie damit eine versuchte oder eine vollendete Vergewaltigung, einen Tatort oder ihr eigenes kaltes Herz beschrieb. Wenn Susanne Jansen als Vorsitzende des Willkommen-Komitees vor, während und nach einer Wagner-Arie erklärt, ob, dass und wie sehr das Gehörte Deutsch ist, bleibt dem Publikum kein Raum mehr für Eigenleistung.

Dass „den Leuten nicht genug erklärt“ wird, ist ja auch ein von verschiedenen Seiten bemängeltes Manko der aktuellen Flüchtlingssituation – zumindest dagegen positioniert sich Willkommen zumindest irgendwie eindeutig.

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Über gordians

Wintermud ist eine Verballhornung aus meinem Stadtteil Winterhude und "Wintermute" von Neuromancer. Ein tiefer Sinn liegt nicht darin.
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