Imagine (im Metropolis)

Ich war letztens in der Preview von Imagine. Der Film lief im Metropolis, welches schon lange als kommunales Kino direkt neben der Oper existiert. Das Gebäude, in dem sich dieses Kino bis vor vier Jahren befand wurde angerissen und ein neues gebaut. Der historische Kinosaal wurden im 2. Untergeschoss des neuen Betongebäudes original wieder hergerichtet. Ein merkwürdiges Gefühl, in ein Gebäude mit dem Charme eines Parkhauses zu betreten und dann in einem Kinosaal der 50er Jahre zu landen.

Der Film ist eine sehr europäische Koproduktion: Regisseur aus Polen, spielt in Lissabon, Beteiligte noch aus Frankreich und UK. Gesprochen wird primär Englisch, aber auch Französisch, Portugiesisch und Deutsch.

Wie immer bei Kino-Texten Achtung: Es gibt hier Spoiler.

Die Geschichte von Imagine ist nicht neu: Ein Lehrer kommt an eine Schule und begeistert die Schüler mit einer neuen Art, einer neuen Methode. Die Leitung der Schule jedoch sieht ihn als eine Bedrohung an und bringt ihn zu Fall. Klingt nach Club der Toten Dichter oder ähnlichen Filmen. Der Film hat zwei entscheidende Besonderheiten: Es handelt sich bei der Schule um eine Blindenschule. Und der Lehrer scheint nicht ganz aufrichtig zu sein – wobei hierbei nicht ganz klar ist, wie weit seine Unaufrichtigkeit geht. Begeistert hat mich das Schauspiel, die sehr wenig zeigende Kamera und – ganz dem Filmtitel entsprechend – die Poesie der Vorstellung.

Der neue Blindenlehrer Ian – selber blind – behauptet, dass man als Blinder keinen Blindenstock benötigt, sondern alleine durch sein Gehör sich in seiner Umgebung zurecht finden kann. Dies funktioniere wie bei Fledermäusen nicht nur durch die Umgebungsgeräusche, sondern auch durch den Hall von eigenen Geräuschen. Dazu schnalzt er regelmäßig mit der Zunge.

Nach anfänglicher Skepsis und gestellten Fallen zum Testen sind die Schüler (aller Altersstufen) begeistert. Auch die in der Schule lebende Eva ist angetan und lässt sich von ihm aus dem ummauerten Schulgelände (ein ehemaliges Kloster) auf die Straßen Lissabons führen. Dabei sieht man nur sehr reduzierte Ausschnitte der Straße und bleibt so mit drin im Erfahrensraum der Protagonisten. Jeder falsche Schritt – gegen eine Laterne oder vor einen LKW – bewirkt eine eigene Dramatik, die nur in diesem Film funktioniert.

Der Leiter der Schule wünscht nach einer Weile, dass Ian den Schülern nicht mehr vorlebt und lehrt, wie man ohne Blindenstock leben kann und beweist Ian auch recht drastisch, dass dieser nicht alles ohne Stock machen kann. Außerdem enttarnt er einen Trick, den Ian nutzt, aber bis dahin verschwiegen hat. Er ist ganz der Vertreter des Rationalen. Ian hingegen bietet den Schülern und auch Eva eine Welt, wie er sie durch Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft wahrnehmen kann. Daraus entwickelt sich eine ganz eigene Poesie, die auch immer wieder durch die Realität in Frage gestellt wird.

Zum Ende unternimmt Ian mit einem besonders skeptischen älteren Schüler einen Spaziergang an die Küste. Dieser Gang ist ein anhaltender Nervenkitzel – hier überzeugt die Kameraeinstellung in Vorgelperspektive. Dort kommt es zum überraschenden Unfall. Und der führt dann zum Rauswurf von Ian.

Die ganze Zeit beschreit der Film die Freiheit ohne Blindenstock und die Poesie der Vorstellungskraft. Und auch wenn Ian eine Gefahr darstellt, störrisch ist und nicht ganz ehrlich, entfaltet er eine Kraft, die von der Rationalität des Schulleiters nicht eingefangen wird. Dieses Wechselspiel macht den Film aus, weil dieses Hin- und Hergerissensein sehr gut nachvollziehbar ist.

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Über gordians

Wintermud ist eine Verballhornung aus meinem Stadtteil Winterhude und "Wintermute" von Neuromancer. Ein tiefer Sinn liegt nicht darin.
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