Geistesblitze würfeln, auf Allmenden grasen

Ich schrieb über Urheber, Bürger, Lohn und Brot. Doch es geht um mehr, es geht um Ideale. Geld kann man messen und diese Messungen ins Verhältnis setzen, aber es kann schwierig werden, Ideale zusammen zu bringen. Eines dieser Ideale verkörpert der kreative Schöpfer. Ein anderes Ideal ist Open Access, Open Data und die Digitale Almende. Klingt nach Äpfel und Birnen, nicht wahr? Und damit fängt das Problem schon an.

Moment mal: Der Autor, der Komponist, der Künstler, also allgemein der kreative Schöpfer – das ist doch kein Ideal, sondern Realität. Aber tatsächlich wurde dieser kreative Schöpfer seit dem 18. Jahrhundert erst zum Ideal: In der Vorzeit waren die meisten Schöpfer bei Kirche, Adel oder Universitäten in Lohn und Brot. Und diese Künstler waren sich gegenseitig Ideengeber: Nicht so tolle Künstler machten nach, große Künstler schufen aus den Inspirationen etwas Neues. Am deutlichsten wird dies in der Musik, wo Komponisten Variationen von schon geschaffenen Stücken hervorbringen (z. B. Brahms‘ Variationen zu Haydn), oder in der Literatur (das Faust-Thema).

Das erstarkende Bürgertum wollte gleichziehen und war bereit, für Künstler zu bezahlen; bzw. aus Kostengründen für deren Werke. Werke von Autoren und Maler wurden verehrt und eben diese auch idealisiert. Und wer sich nicht näher mit der Arbeit eines Künstlers befasste, vermutete hier viel Geistesblitz und dann noch ein bisschen Schreiben oder Malen. Ähnlich ging es später mit der Musik auf Schallplatten.

In dieser Zeit der Idealisierung und der aufkommenden Möglichkeit auch für Bürger Zugang zu Kultur erhalten, wurde auch das Urheberrecht geschaffen. Es sollte zunächst Autoren vor Nachdrucken und Künstler vor Fälschern bewahren und später auch Nachpressungen von Schallplatten verhindern oder – mit Aufkommen des Rundfunks – die freie Verbreitung. Inspiration und kreativen Umgang sollte es sicher nicht verhindern – aber tat es mit der Zeit. Dieses Urheberrecht gehörte zum Ideal des Künstlers dazu. Dieses Ideal aber ist bedroht: Die Folge vom Zugang zur Kultur für jeden war nämlich nicht nur, dass jeder Kultur bekommen durfte – es konnte auch jeder Kultur schaffen. Die einen besser, die anderen schlechter, aber das Ideal verblasste zusehends. Es folgte die Trivialisierung: Fotografie, Pulp und später die Popmusik seit mindestens den 1970ern. Es schwand der Respekt und damit auch das Ideal.

Und gleichzeitig schwindet auch der Respekt vor dem Urheberrecht. Zudem schmälert die allgemeine Verfügbarkeit den Respekt vor dem Urheberrecht: Radio und Fernsehen und Kassetten haben dem tüchtigen Aufnehmer eine ordentliche Video- oder Schallplattensammlung ersetzen können. Was ist dann heute der Unterschied zu Uploads und Downloads über Tauschbörsen aus Sicht der Konsumenten? – Es ist nur eine Vereinfachung. Immerhin eine Vereinfachung, die es in sich hat.

Das andere Ideal, dass erst mal mit dem Ideal des Schöpfers nichts zu tun hat, ist der Komplex Open Access, Open Data und die Digitale Almende: Radio, Fernsehen und auch Bibliotheken bieten zwar einen freien Zugang, aber die Frequenzen und die Regalflächen sind endlich und es muss eine Auswahl getroffen werden. Der Hörer, Zuschauer oder Leser muss bevormundet werden. Das Internet bietet den Ausbruch aus diesen Zwängen und die Befreiung von solcher Kontrolle.

Und an dieser Stelle geraten die Ideale des kreativen Schöpfers und der Digitalen Almende auch praktisch in einen Konflikt. Es ist genau der Konflikt, der dieses Jahr in den Medien hochkochte. Und dieser Konflikt ist nicht leicht zu lösen.

Für mich sind ein paar Themen unstrittig, über die aber noch diskutiert wird oder die momentan noch anders geregelt sind:

  • Werke, die im Auftrag der Öffentlichkeit erschaffen werden, sollen auch der Öffentlichkeit dauerhaft und frei zur Verfügung stehen: Eigenproduktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zählen dazu und viele Beiträge Angehöriger von Universitäten.
  • Schöpfern muss das Spektrum an Möglichkeiten für Veröffentlichungen deutlich sein oder deutlich gemacht werden. Noch viel zu wenige Autoren, Musiker, Filmschaffende kennen alternative Lizenzen wie die Creative Commons? Und wieviele von denen begegnen freien Veröffentlichungsformen immer noch mit Angst und Vorurteilen?
  • Für die Bildung, gerade auch für die Allgemeinbildung, sollten Klassiker, deren Rechte abgelaufen sind, der Öffentlichkeit leicht zugänglich gemacht werden, wie es auch das Project Gutenberg macht (aber bitte nicht so beschränkt und mit neuen Hürden, wie bei Guternberg-De). Dies sollte auch aktiv von öffentlichen Einrichtungen gefördert werden.
  • Die Schutzfristen sollten auf ein realistisches Maß reduziert werden. Die Anerkennung für einen Autoren wie auch Planungssicherheiten von Verlagen und Produktionsfirmen sind Gründe. Bis zum Tod + 70 Jahre sind aber völlig überzogen. Besser wäre es, wenn der Schöpfer nach einer bestimmten Zeit (10 Jahre) automatisch vom  Verlag bzw. der Produktionsfirma gelöst würde und sich neu entscheiden kann: Weiter mit dem Verlag, anderer Verlag, offenen Lizenz, freigeben. Verwaiste Werke sollten von einer staatlichen Stelle leicht freigegeben werden können.

Andere Aspekte zum Thema Urheberrechte sind schwieriger und bedürfen weiterer Diskussionen. Wir sind noch mitten drin in der Diskussion…

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Über gordians

Wintermud ist eine Verballhornung aus meinem Stadtteil Winterhude und "Wintermute" von Neuromancer. Ein tiefer Sinn liegt nicht darin.
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