Entschleunigung – mir war gerade nach diesem Thema

Meine gute Freundin Anja hat mich letztens auf einen Beitrag von Dirk von Gehlen hingewiesen, der mit der Betrachtung eines Aspekts unserer heutigen Zeit einleitet, der viele Menschen nervt: Die ständige Beschleunigung. Man kommt gar nicht mehr hinterher, verpasst wichtige Dinge und ist zum Schluss ahnungslos wie Brot.

Nun spannt Dirk von Gehlen einen Bogen, in dessen weiteren Verlauf er die Frage stellt, ob mit dieser konservativen Betrachtung von Fortentwicklung eine Verweigerung einhergeht, die es erschwert, Neues zu denken. Und er landet bei dem sehr spannenden Thema, wie emotional wir zu Dateien stehen, wenn Sie die Kulturträger der Zukunft sind, und was das für die Geschäftsmodelle bedeutet. Sehr lesenswert!

Ich verweile hier nun aber kritisch bei der Beschleunigung – und möchte trotzdem nicht fortschrittsfeindlich sein.

Das angeführte Beispiel, wir hätten früher in der Bibliothek recherchieren müssen und heute fände sich alles im Netz, finde ich persönlich sehr treffend. Ich habe zwar die Stunden in der öffentlichen Bücherhalle und später in den Bibliotheken durchaus genossen; aber unpraktisch war es schon, und ich habe mich gefragt, ob sich das nicht über dieses Internet machen ließe.

Nun ist es vielleicht heute noch nicht ganz so weit, dass wir alles dort finden können; aber wir sind doch schon ziemlich dicht dran an meiner damaligen Vorstellung. Wann war ich das letzte Mal in einer Bibliothek? (Und ich meine nicht, als ich eine Freundin dort besuchte, die dort arbeitet.) Es ist schon eine ganze Weile her… und ein bisschen vermisse ich es: Tatsächlich hat mir früher jeder Bibliotheksbesuch auch im größten Stress Ruhe vermittelt, mich entschleunigt. Und genau das ist es, was wir uns heute nicht gönnen.

Ein bisschen habe ich schon vor knapp 10 Jahren damit ganz ungeplant begonnen, als ich von der Tagesschau genervt war: Die Sendung war ordentlich gemacht wie immer. Aber die Veränderung zur Sendung zum Vortag war gering, obwohl überall noch so eine Nach-9/11-Dramatik in der Luft hing. Wieso sollte ich jeden Tag die Tagesschau sehen, wenn nicht mal nach einer Woche alle Nachrichten wirklich neu waren? Also habe ich begonnen, die Tagesschau nur noch selten zu sehen und stattdessen eine Wochenzeitung zu lesen. Und siehe da, man bekommt nicht täglich die Nachrichten von Vorgestern+2, sondern Berichte und Hintergründe.

Eigentlich ist es nicht die Frage, was ich muss, sondern vielmehr, was ich kann. Das Internet hat ja nicht die Bibliotheken geschlossen und die Tagesschau hat nicht die Wochenzeitung vernichtet. Aber viele Menschen lassen sich von den schnellen Möglichkeiten regelrecht einsaugen. Und dann ist man auch noch interaktiv und reagiert sofort und dann kommt gleich was zurück und dann muss man ja auch gleich antworten und so weiter und so fort.

Wo war ich?

Vor rund einem Jahr habe ich mit Twitter, mit Facebook und mit Google+ angefangen. Ziemlich spät für jemanden, der hofft, auf der Höhe der Zeit zu sein. Trotzdem behaupte ich, dass ich damit umgehen kann. Ich kenn nicht alles und weiß nicht alles, aber so what – einen SEO-Berater brauche ich deshalb trotzdem nicht [90% aller SEO-Berater widersprechen hier]. Ich musste mich eben damit ein bisschen beschäftigen, herumprobieren und komme jetzt irgendwie damit klar. Ich habe es also jahrelang verpasst und darf trotzdem noch mitspielen. Nur den Button „Early Adopter“ darf ich mir nicht anheften.

Für mich bleibt festzuhalten: Das Internet, die Digitalisierung, die neuen Medien, die neuen Möglichkeiten bereichern uns. Aber aus dieser Vielfalt muss ich auswählen: Das richtige Medium, die passende Plattform, die geeigneten Themen. Und alles auch noch zum richtigen Zeitpunkt. Ich lasse mich gerne beschleunigen, aber kann auch mal innehalten. Ich empfange das neue mit offenen Armen, aber ich schaue es mir dann auch genau an.

Die neuen Freiheiten der Vielfalt bringen auch neue Mühen mit sich, aber wer hat uns jemals versprochen, dass wir unseren Kopf ausschalten könnten und uns nicht mehr um unser Wohlbefinden scheren müssten?

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Über gordians

Wintermud ist eine Verballhornung aus meinem Stadtteil Winterhude und "Wintermute" von Neuromancer. Ein tiefer Sinn liegt nicht darin.
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